Ganz nah dran an Wolfgang Niedecken

Neuss (kle) Die Wirkung einer Lesung sollte man sacken lassen, bevor die Frage ihres Mehrwerts beantwortet werden kann. Bilder, Eindrücke, Gedanken und Gefühle: eine ganz schöne Gemengelage. Man braucht Zeit, um sie zu ordnen. Einige verlassen den Großen Saal des Zeughauses daher flink. Sie wollen schnell nachhause. Für sich sein. Viele der Zuhörer jedoch suchen den Austausch mit anderen. Ganz bewusst. „Beeindruckend gelesen, findest du nicht auch?“, fragt ein Mann seine Begleitung. Nur ein paar Wenige zücken draußen auf dem Vorplatz ihr Handy, kramen ein bisschen in ihrer Songliste herum und spielen dann „Alles Em Lot“ von BAP ab. Leise summen sie das mit.

Drei Stunden zuvor: Wolfgang Niedecken betritt zusammen mit Mike Herting die Bühne. Der setzt sich hinter sein Keyboard. Dick eingepackt in eine grüne Allwetter-Jacke. Kühl ist es im Großen Saal. Niedecken nimmt hinter dem für ihn vorgesehenen Tisch Platz - tiefenentspannt - und erläutert, wie es überhaupt zu dem Buch mit dem Titel „Wolfgang Niedecken über Bob Dylan“ und der dazugehörigen Lesung kommen konnte. Der Verlag wollte das so. Er selbst konnte das so. Und Corona schuf den nötigen Raum dazu. Fast vergisst der Frontmann der Kölschrock-Band zu erwähnen, was denn der rote Faden des Werkes sei: seine Reise durch die USA im Jahr 2017. Damals hat er sich auf den Weg gemacht, um das Amerika seines Idols Bob Dylan zu erkunden. 

Der Trip beginnt also. Die Zuhörer gleiten hinein ins East Village der 60er, als Dylans Karriere genau da ihren Anfang nahm. Niedecken verknüpft permanent persönliche Reise-Erlebnisse und biographische Rückblenden geschickt mit relevanten Eckdaten, die Dylans Leben ausmachten und prägten. Dazwischen eingestreut: Songs. Entweder die von Niedecken auf Kölsch, die von Dylan auf Englisch, oder die von Dylan von Niedecken auf Kölsch. Wie auch immer. Das Gelesene: So wird es lebendig. So gewinnt es an Dynamik. Die Besucher hören gespannt hin, als es um die Frage geht, was denn nun „The Big Apple“ eigentlich mit seiner Heimatstadt Köln zu tun habe. Einige im Publikum kennen Niedeckens Lebenslauf und wissen, dass die Metropole an der nordamerikanischen Ostküste auf den einstigen Kunst-Studenten schon immer eine gewisse Anziehungskraft gehabt hatte. Seine Herkunft allerdings, die trug er stets bei sich. Und der junge Kölner in New York City, der schrieb Songs. Einer von ihnen heißt „Leev Frau Herrmanns“. Niedecken singt den dann. Voller Gefühl. Oder besser gesagt: Voller Jeföhl. „E' Leeve lang op Tour, om Kirmes stund se all die Johr“. Mundart hatte selten mehr Sinn, als an dieser Stelle der Lesung. Das geht einem nah. Man hört es schluchzen im Saal.

Nach der Pause geht es dann emotional weiter. Erinnerungen an den US-amerikanischen Musiker Tom Petty werden wachgerüttelt. Niedecken macht auch hier keinen Hehl daraus, wie stark er von Petty musikalisch beeinflusst worden sei. Sein Tod 2017, der sei ein Schock für ihn gewesen, konstatiert er. „Ja, das war echt traurig“, flüstert ein Mann seiner Frau zu. „Wo dä Nordwind weht“ - das Kölsch-Cover von Dylans „Girl from the Noth Country“ - ist dann Balsam für die Seele. Etwas. Melancholie bahnt sich ihren Weg. Macht sich breit. Gewollt ist das. Definitiv. Und am Ende erzählt Niedecken von seinem großen Moment, als er Dylan Backstage eine spezielle Gitarre überreichen durfte. Da sei er seinem Idol ganz nah gewesen, sinniert er. Jedenfalls räumlich. Wirklich nah dran gewesen sind die Zuhörer heute Abend an Niedecken. Weil er es fast drei Stunden geschafft hat, behutsam sein Innerstes nach außen zu kehren. Dankeschön, Herr Niedecken. 


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